#WissensWerte: "Wie anschlussfähig ist Stiftungshandeln an gesellschaftliche Entwicklungen?"
Prof. Dr. Regina Back im Gespräch mit Friederike von Bünau, Bundesverband Deutscher Stiftungen
Am 20. und 21. Mai 2026 findet in Hamburg der Deutsche Stiftungstag, Europas größter Stiftungskongress, mit dem Thema "Aus Freiheit handeln" statt. Prof. Dr. Regina Back, Geschäftsführender Vorstand der Claussen-Simon-Stiftung und Co-Vorsitzende im Beirat des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, hat vorab mit Friederike v. Bünau, Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, über die Bedeutung dieses Kongresses und die Rolle von Stiftungen im gesellschaftlichen Kontext gesprochen.
Regina Back: Liebe Friederike, am 20. und 21. Mai findet in Hamburg der Deutsche Stiftungstag statt – wir sind bereits sehr gespannt. Wie blickst Du auf dieses große Treffen voraus?
Friederike v. Bünau: Die Wochen davor sind immer besonders intensiv, weil die finalen Abstimmungen stattfinden. Gleichzeitig überwiegt die Vorfreude, dass wir alle zusammenkommen, uns austauschen und vernetzen und gemeinsam ein vielschichtiges Programm gestalten. Der Stiftungstag ist immer eine sehr schöne Gelegenheit, die Themen der Zeit aufzugreifen, diese mit den Themen der Stiftungen zu verbinden und zu zeigen, wie anschlussfähig Stiftungshandeln an gesellschaftliche Entwicklungen ist.
Regina Back: Worauf legt Ihr Wert, wenn Ihr das Programm und die Auswahl der Speaker:innen kuratiert? Der Deutsche Stiftungstag ist ja bewusst vielstimmig angelegt.
Friederike v. Bünau: Da kommt es auf eine gute Mischung an. Wir kuratieren das Programm sowohl hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunkte als auch mit Blick auf die Repräsentation der unterschiedlichen Stiftungsgrößen, verschiedener Regionen oder Stiftungszwecke. Eine gewisse Prominenz der Speaker:innen spielt natürlich auch eine Rolle. Es gilt, die ganze Heterogenität des Sektors, die ja auch seine große Stärke ist, aufzugreifen und im Programm abzubilden. Wir haben in der Geschäftsstelle des Bundesverbands eine Kollegin, die hauptverantwortlich für die Kuration des Programm ist.
Regina Back: Die Community Sessions nehmen beim DST eine besondere Rolle ein. Inwiefern?
Friederike v. Bünau: Die Community Sessions adressieren direkt unsere Mitgliedsstiftungen, sie können sich bewerben und mit eigenen Programmvorschlägen einbringen. Wir sind dadurch ganz nah an den Themen unserer Mitglieder, und an der Beteiligung lässt sich sehr schön ablesen, was Stiftungen gerade beschäftigt? Außerdem gibt es die Programmpunkte der Arbeitskreise, die ebenfalls eine sehr gute Indikation geben, was Stiftungsakteur:innen umtreibt. Als Bundesverband haben wir den übergeordneten kuratorischen Blick und schauen, was dann noch an Themen fehlt oder wen wir noch berücksichtigen möchten.
Was sind die Themen, die Stiftungen aktuell beschäftigen?
Regina Back: Der Sektor ist sehr vielgestaltig. Es gibt große und kleine Stiftungen, die Themenbreite ist enorm. Wenn du es einer außenstehenden Person erklären müsstest: Was macht das Besondere des Deutschen Stiftungstages unter diesen Voraussetzungen aus?
Friederike v. Bünau: Zum einen ist es das Treffen für uns als Stiftungscommunity, wo wir einmal im Jahr zusammenkommen und Zeit für den intensiven persönlichen Austausch haben. Dort lernen wir voneinander, machen uns gegenseitig Mut und bestärken uns, wie wichtig es ist, sich einzubringen und Gesellschaft mitzugestalten. Zum anderen geht es um Sichtbarkeit nach außen, in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexte hinein. Bei diesem großen Branchentreffen zeigen wir: Stiftungsarbeit ist Teil einer Arbeit für die Gesellschaft: Dabei beschäftigen wir uns aber nicht nur mit uns selbst. Wir laden Persönlichkeiten aus Medien, Politik, aus Wissenschaft oder Wirtschaft ein, denn wir arbeiten sektorübergreifend zusammen. Stiftungen können letztlich nur punktuell wirken und einen Anstoß geben, Menschen oder Institutionen zusammenzubringen. Deshalb schaffen und nutzen wir den Raum des Deutschen Stiftungstages, um auszuhandeln und zu diskutieren, wer in welcher Weise zu einem gelingenden gesellschaftlichen Miteinander beitragen kann und wo wir uns unterhaken können.
Stiftungsarbeit ist Arbeit für die Gesellschaft.
Regina Back: Der Stiftungstag hat sich in diesem Jahr ein besonderes Thema gegeben: "Aus Freiheit handeln". Inwiefern bietet Hamburg einen besonderen Resonanzraum für dieses Thema?
Friederike v. Bünau: Wir haben uns im Vorstand schnell auf dieses Thema geeinigt. Unsere Gastgeberstadt Hamburg als inspirierende Stiftungsmetropole prägt natürlich die diesjährige Ausgabe. Wir erleben Hamburg als Stadt der Hanse, der Weltoffenheit, des Handels. Das findet sich alles im Tagungstitel wieder. Hamburg hat eine ungewöhnlich hohe Stiftungsdichte – die höchste unter den deutschen Bundesländern. Hier kommen 82 Stiftungen auf 100.000 Einwohner:innen. Das ist einmalig. In dieser Stadt steht das freiheitliche bürgerschaftliche Handeln in einer jahrhundertelangen Tradition.
Regina Back: Über Hamburg als Resonanzraum hinaus – warum ist das Thema Freiheit genau das treffende?
Friederike v. Bünau: Wir haben den Titel auch in dem Wissen gewählt, dass Freiheit nicht nur die Voraussetzung ist für Stiftungshandeln oder sogar für die Verfasstheit von Stiftungen, sondern eben auch nicht mehr selbstverständlich. Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Daher müssen wir die Idee der Freiheit mit Leben füllen, um die weiteren Voraussetzungen zu schaffen. In diese Leerstelle treten auch Stiftungen als Teil der Zivilgesellschaft. Deshalb ist das diesjährige Thema so passend und so kraftvoll. Freiheit ist vielfältig anschlussfähig an die verschiedenen Themen, die Stiftungen bearbeiten: Wir werden über Wissenschafts- und Pressefreiheit sprechen, über die Kunstfreiheit, über die Freiheit in der Bildung. Der Begriff des Handelns ist in diesen Zeiten außerdem besonders wichtig, weil es bedeutet, über das reine Umsetzen von Dingen weit hinauszugehen. Stiftungen haben dank ihrer Freiheit des Anfangens ganz viele Möglichkeiten, sie sind unabhängig von Wähler:inneninteressen, von Mitgliedervoten, durchaus auch von tagesaktuellen Moden, sodass sie wirklich autark und nachhaltig Themen bearbeiten und Impulse setzen können.
Regina Back: Stiftungen sind in ihrer Unabhängigkeit ein Ausweis davon, dass demokratische Strukturen wirksam sind, und zum anderen aber auch mit in der Verantwortung, diese zu erhalten. Sind wir aber als Gesamtheit der Stiftungen deutlich genug zu hören? Wie schafft es der Bundesverband Deutscher Stiftungen, diesen Einsatz für die Demokratie und für freiheitliche Grundwerte einzulösen?
Friederike v. Bünau: Als Verband entwickeln wir uns immer weiter, um das noch stärker hörbar zu machen. Wir sind mit unserem Sitz in Berlin auch mittendrin in der politischen Debatte. Und nicht nur uns, sondern auch eine Vielzahl an Stiftungen bewegt ja die Frage: Wie politisch dürfen wir überhaupt sein? Beziehungsweise: Wie neutral müssen wir sein? Einerseits wird immer eingefordert, Haltung zu zeigen. Aber wir erleben gleichzeitig, dass manche Stiftungen verunsichert sind und sich gar nicht trauen, Position zu beziehen. Also: Inwieweit darf und sollte man sich als Stiftung überhaupt positionieren? Deswegen ist es aus meiner Sicht klug, sich diesen Fragen über Themen zu nähern, also mit den Beiträgen, die Stiftungen konkret leisten. Wir können und sollen Stellung beziehen, nur eben nicht parteipolitisch.
Stiftungen können und sollen Stellung beziehen.
Regina Back: Als Verband arbeitet Ihr an verschiedenen Schnittstellen zur Politik. Was gewinnt der Stiftungssektor durch diese Nähe zu Politiker:innen?
Friederike v. Bünau: Zum einen gestalten wir Rahmenbedingungen, die durch gute Gesetze die Arbeit von Stiftungen und Engagierten ermöglichen und erleichtern. Das ist der Hauptaspekt. Wir sprechen mit den unterschiedlichen Ministerien oder auch mit der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Dr. Christiane Schenderlein, deren Position im Bundeskanzleramt neu geschaffen wurde. Zum anderen bringen wir uns über die regulatorische Ebene auch in die gesellschaftspolitische Debatte ein. Da können wir als Bundesverband eine wichtige Rolle einnehmen, weil wir für einen Teil der Zivilgesellschaft stehen, der sehr nachhaltig und unabhängig agieren kann. Wir geben damit auch den Engagierten eine Stimme in der Politik und zeigen, dass das durchaus nicht unpolitisch sein muss, sondern immer auch mit einer gewissen Haltung verbunden ist. Wir tun dies auch gemeinsam mit anderen, um eine noch größere Kraft zu entfalten, beispielsweise im Bündnis für Gemeinnützigkeit.
Regina Back: Welche Rolle spielt der Stiftungstag für die Sichtbarkeit von Stiftungen und ihres Handelns? Wie stark trägt diese Veranstaltung dazu bei, das ins öffentliche Bewusstsein zu rücken?
Friederike v. Bünau: In erster Linie ist es eine Veranstaltung für unsere Community, die vielleicht nur wenig über die Sektorengrenze hinaus wahrgenommen wird. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Orte wechseln, weil wir dann lokal immer große Aufmerksamkeit haben und Stiftungshandeln auch in der Region, im jeweiligen Bundesland wahrgenommen wird.
Regina Back: Eine zu geringe breite Aufmerksamkeit ist ja gelegentlich ein Problem von Stiftungsarbeit, die auch eine gewisse Öffentlichkeit braucht, zum Beispiel, wenn es um Ausschreibungen oder Fundraising geht.
Friederike v. Bünau: Das ist schade, weil häufig so wichtige Themen oder Geschichten des Gelingens dahinterstehen, die der gesellschaftlichen Wahrnehmung guttun würden. Denn gerade diese positiven Geschichten machen ja deutlich, dass Stiftungen mit ihrem Engagement einen Unterschied machen, dass jede:r Einzelne sich einbringen und wirksam werden kann. Das hat leider auf nationaler Ebene meistens erst mal nicht den größten Nachrichtenwert. Vor Ort, im Lokaljournalismus, haben die dort tätigen Stiftungen durchaus eine größere Sichtbarkeit, auch aufgrund ihrer guten Vernetzung. Die Menschen merken, welchen Unterschied die Stiftungen und ihre Projekte machen, welche Wirkung sie im Alltag der Leute erzielen.
Stiftungen machen mit ihrem Engagement einen Unterschied.
Regina Back: Kurz nach dem Deutschen Stiftungstag finden die Hamburger Stiftungstage statt, eine jährliche Aktionswoche von und für Stiftungen in Hamburg, in der die breite Öffentlichkeit Stiftungsarbeit auf vielfältige Weise kennenlernen und erleben kann. Auch in anderen Regionen gibt es Stiftungsnetzwerke und Veranstaltungswochen, Berlin oder Frankfurt zum Beispiel. Welche Rolle spielen diese regionalen Veranstaltungen, und wie eng ist dabei die Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen?
Friederike v. Bünau: Das ist eine sehr positive Entwicklung, dass die regionalen Stiftungsnetzwerke so lebendig sind. Wir wollen die Zusammenarbeit mit diesen Initiativen weiter intensivieren. Mehr als zwei Drittel der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland sind regional oder lokal tätig und suchen natürlich auch vor Ort Partner und Vernetzung. Das kann der Bundesverband in dieser intensiven, regional orientierten Form nicht ermöglichen. Deswegen arbeiten wir eng mit den regionalen Netzwerken zusammen, stellen ihnen bestimmte Leistungen zur Verfügung und stehen in engem Austausch zu den Themen, die den Menschen und Engagierten vor Ort wichtig sind. Diese Erkenntnisse können wir dann wiederum in unsere politische Interessenvertretung in Berlin einspeisen oder in unsere Beratungsangebote. In unserer Strategie 2030 haben wir festgeschrieben, diese Zusammenarbeit zu verstärken und den Austausch lebendig und intensiv zu gestalten.
Das Gemeinsame stärken.
Regina Back: Worauf freust du dich beim Deutschen Stiftungstag am meisten?
Friederike v. Bünau: Wenn uns gelingt, was 2025 in Wiesbaden gelungen ist, nämlich dass Menschen inspiriert und gestärkt wieder in ihren Alltag gehen – dann haben wir ein großes Ziel erreicht. Die persönliche Begegnung mit so vielen ist für mich immer besonders wertvoll. Die Vielfalt zu erleben, aber auch das Gemeinsame zu stärken und zu finden. Ich finde es unglaublich bereichernd zu erleben, dass all diese Menschen die Gesellschaft mitgestalten wollen. In solchen Momenten denke ich immer, dass es ein wirkliches Privileg ist, in diesem Sektor zu arbeiten.
Prof. Dr. Regina Back: Vielen Dank, liebe Friederike, für die spannenden Einblicke und gutes Gelingen für den Deutschen Stiftungstag!
Über Friederike v. Bünau
Friederike v. Bünau ist seit September 2023 Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Dem Stiftungssektor und auch dem Bundesverband ist sie in anderen Rollen seit vielen Jahren eng verbunden: Mehr als 15 Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Während dieser Zeit engagierte sich die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin ehrenamtlich unter anderem im Arbeitskreis Frauen in Stiftungen sowie im Beirat und dann im Vorstand des Bundesverbandes, bis 2023 als dessen Vorstandsvorsitzende. Ihre Perspektive auf den deutschen Stiftungssektor ist geprägt durch diese langjährige Erfahrung mit operativen Aufgaben wie auch in verantwortlichen Positionen für den Verband.
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