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#Wissenschaft #Wissenschaftskommunikation #WissensWerte

#WissensWerte: "Be online or perish! Wie das Web und Social Media für die wissenschaftliche Karriere genutzt werden können"

Prof. Dr. Isabella Peters, Professorin für Web Science am ZBW-Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft

Das Internet und Social Media sind aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, und auch in der Wissenschaft spielen die Online-Werkzeuge und -Plattformen schon längst eine große Rolle. Texte werden gemeinsam bearbeitet, wissenschaftliche Konferenzen über Zoom abgehalten, Forschungsergebnisse werden über Blogs, Videos auf YouTube oder kurze Status-Updates auf Twitter bekanntgegeben und mit Kolleg:innen und anderen Interessierten diskutiert. Selbst auf Instagram teilen Forschende Einblicke in ihren Forschungsalltag. 

Auch wenn all diese Tätigkeiten schon vor dem Internet- und Web-Zeitalter in ähnlicher Weise möglich waren (zum Beispiel über Beiträge in Tageszeitungen), profitiert das wissenschaftliche Kommunikationsverhalten von heute maßgeblich von der Digitalisierung. Zum einen ist es über das Web, Smartphones und die Social Media-Services sehr leicht geworden, Inhalte selbst in einem ansehnlichen Format zu produzieren. Zum anderen ist das Web eine Publikationsplattform, die keine Gatekeeper hat und die dadurch ermöglicht, Inhalte nahezu zeitgleich mit dem Produktionszeitpunkt einer breiten Masse an Nutzenden zugänglich zu machen.

Social Media füllen Leerstellen des wissenschaftlichen Kommunikationssystems

Für die Forschenden ist die Nutzung von Social Media auch deswegen interessant, weil die meisten Social Media-Plattformen über ihre Funktionen offenbar mehr als eine Leerstelle des heutigen Wissenschaftssystem füllen [1] – und das häufig komfortablerweise auf ein und derselben Plattform anstatt verstreut in E-Mails, Fachzeitschriften, Preprint-Servern und Repositories. Social Media

  • ergänzen das traditionelle Publikationssystem mit weiteren Formaten (z.B. wissenschaftliche Blogs),
  • machen Forschungsergebnisse und Forschung öffentlich/transparent,
  • schaffen einen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen für vorher ausgeschlossene Interessensgruppen,
  • erleichtern die Kontaktpflege und machen die Vernetzung mit Kolleg:innen und anderen Stakeholdern sichtbar,
  • dokumentieren die Kommunikation über wissenschaftliche Ergebnisse,
  • registrieren frühzeitig die Herkunft von wissenschaftlichen Ideen und erlauben so die Sicherung von Prioritätsansprüchen,
  • regen über den öffentlichen Austausch die Selbstreflexion in der Wissenschaft an, 
  • ermöglichen ein neuartiges wissenschaftliches Reputations- und Bewertungssystem (sog. Altmetrics [2]).

Die Covid19-Pandemie hat gezeigt, dass Forschende nun auch unter einem gewissen Erwartungsdruck stehen, die in Wissenschaft investierten Steuergelder über die niedrigschwellige Veröffentlichung und Diskussion von Forschungsergebnissen zu rechtfertigen und der Bevölkerung gewissermaßen „Rede und Antwort“ zu stehen. Auch diese geforderte zweiseitige Kommunikation lässt sich über das Web und Social Media leichter herstellen als über die traditionellen Massenmedien.

Social Media in der Wissenschaft: Forschende schwanken zwischen Euphorie und Verzweiflung.

Schauen sie sich die lange Liste der Möglichkeiten an, die Social Media bieten, werden Forscher:innen wahrscheinlich zwischen Euphorie und Verzweiflung schwanken. Verzweiflung, weil natürlich alle Plattformen und Funktionen ausprobiert, regelmäßig besucht und aktualisiert werden sollten, wenn man das Maximum an Vorteilen aus der Social Media-Nutzung herausholen möchte. Das ist neben dem wissenschaftlichen Alltagsgeschäft aber häufig nicht zu leisten. Daher gilt es, einige Tipps zur berücksichtigen, die Forschende bei ihren Web- und Social Media-Aktivitäten beherzigen sollten, um maximal von ihrem Ressourceneinsatz zu profitieren.

Sichtbarkeit = Auffindbarkeit

Zunächst ist es wichtig, eine gewisse Sichtbarkeit der eigenen Person und der eigenen Inhalte im Web herzustellen. Und sichtbar ist heute, wer und was über Internet-Suchmaschinen gefunden wird. Denn: Die meisten Menschen greifen über Suchmaschinen auf das Web zu. Eine persönliche Webseite bietet sich als idealer Start- und Sammelpunkt für alle Informationen der wissenschaftlichen Profession an und sollte noch vor dem ersten Social Media-Account etabliert werden – und im Zweifelsfall: ausschließlich. Der Hintergrund ist, dass Web-Inhalte nur einen Browser benötigen, um angezeigt zu werden, während der Zugang zu Inhalten auf manchen Social Media-Plattformen nur über eine Registrierung möglich ist. Zudem werden Web-Inhalte von Suchmaschinen gefunden, Social Media-Inhalte nicht unbedingt. Kontaktdaten, Lebenslauf, Forschungsprojekte und Publikationslisten (samt Link zum Volltext) sollten mindestens auf der Webseite erwähnt werden. Im zweiten Schritt können zusätzlich Social Media-Präsenzen aufgebaut werden.

Spillover-Effekte zwischen Social Media-Engagement und wissenschaftlicher Reputation

Präsenz zeigen Forschende nicht nur über ein Social Media-Konto, sondern auch darüber, dass sie Inhalte auf den Plattformen zur Verfügung stellen sowie Inhalte von Dritten kommentieren, liken oder weiterleiten. Aktuelle Forschung hat gezeigt, dass solches Engagement oder ‚sich Sichtbarmachen‘ zu einem positiven Feedback-Loop führt. Je mehr Inhalte Forschende teilen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte von ihnen gefunden und ggf. auch weiterverbreitet werden, was dann wiederum zu mehr Sichtbarkeit führt. Besonders spannend für Forschende ist, dass sich dies auch in den Kennzahlen des wissenschaftlichen Reputationssystems bemerkbar macht: So werden wissenschaftliche Artikel, die in einem Blog-Beitrag erwähnt werden, auch häufiger zitiert. Gleiches gilt für Artikel, die auf einem Open Access-Repository zur Verfügung stehen oder die auf Twitter geteilt worden sind.

Social Media für die Erfolgskontrolle und Zielgruppenbetrachtung nutzen

Mithilfe von Social Media-Plattformen können Forschende auch eine Art Erfolgskontrolle ihrer Arbeit durchführen. Social Media zeichnen sich dadurch aus, dass aktive Nutzende immer digitale Spuren der Interaktion mit den Inhalten hinterlassen und diese mit dem persönlichen Konto verknüpft sind – so lassen sich beispielsweise über Facebook alle Seiten aufrufen, die eine Person gelikt hat. Forschende können so analysieren, wer sich eigentlich für ihre Inhalte interessiert, ob die intendierte Zielgruppe erreicht wurde oder ob die eigene Forschung nachgenutzt wurde – und das abseits von Zitationen, die ja nur die Rückmeldung von anderen wissenschaftlichen Autor:innen widerspiegeln, aber zum Beispiel nicht von Praktiker:innen, die selbst nicht in Fachzeitschriften publizieren. Je nach Plattform kann dann auch direkt in den Dialog mit den Nutzenden eingestiegen werden.

Persistent Identifiers sind wichtig bei der wissenschaftlichen Web- und Social Media-Nutzung 

Zentral für die effektive Web- und Social Media-Nutzung von Forschenden ist die Verwendung von nachvollziehbaren Identifikatoren für Personen und Inhalte. Forschende sollten einen konsistenten Nutzernamen für alle Plattformen einsetzen, um die Zuordnung der Konten und Inhalte zur Person sicherzustellen – schließlich ist ja das Ziel, Sichtbarkeit oder Bekanntheit zu akkumulieren. Sinnvoll ist dabei auch die Verwendung eines Personenidentifiers, z.B. ORCID [3], der die ‚wissenschaftliche Person‘ mit der ‚Social-Media-Person‘ verknüpft.

Für das Verlinken und Teilen von Inhalten ist es für Forschende ratsam, Dokument-Identifikatoren [4], wie DOI, PMID, URN, anstelle von URLs oder von textuellen Beschreibungen (z.B. Artikeltitel) zu verwenden. Der Vorteil liegt in ihrer Persistenz. Außerdem sind sie besser automatisch nachvollziehbar, was sich insbesondere Altmetrics-Dienste wie Altmetric.com zunutze machen. Das von ihnen angebotene kostenlose Bookmarklet [5] zeigt zum Beispiel für jeden Fachartikel mit DOI (Digital Object Identifier) an, wie häufig und von wem er auf welchen Social Media-Plattformen geteilt wurde. Diese Information lässt sich auch für die oben angesprochene Zielgruppenbetrachtung verwenden.


Die Autorin Isabella Peters ist Professorin für Web Science am ZBW-Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Über das Thema hat sie im Januar 2021 einen Vortrag beim Neujahrssymposium für die Geförderten unserer akademischen Förderprogramme gehalten. Ihr Beitrag ist in unserer Newsletter-Reihe #WissensWerte erschienen.


[1] Siehe auch: Peters, I. (2018). Science 2.0: Was hat die Wissenschaft vom Social-Media-Prinzip? Forschung & Lehre, 25(1), 10-13.
[2] Zur Altmetrics-Website
[3] Zur ORCID-Website 
[4] Persistent Identifier bei Wikipedia
[5] Über Bookmarklet von Altmetric

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