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Ich oder wir? Auf der Suche nach dem Gemeinsinn

Ariane Reimers. ARD-Programmreferentin in der Intendanz des rbb, Senior Associate Fellow bei MERICS

Der folgende Essay ist ein Auszug aus dem Buch „Geschichten vom Mehr“, das anlässlich des 40-jährigen Jubiläums 2022 von der Claussen-Simon-Stiftung herausgegeben wurde.  

In unserer Gesellschaft dreht sich vieles um uns selbst. Die Rechte des Individuums haben oberste Priorität, die individuelle Freiheit steht oft über dem Wohl der Allgemeinheit. Die liberalen kapitalistischen Demokratien haben einen Menschentypus gefördert, der zunächst an sich denkt, sich um die eigene Selbstoptimierung kümmert, egal ob es um Aussehen, Karriere oder Familienplanung geht. Wie viel Platz ist da noch für Gemeinsinn? In den sozialen Medien spiegelt sich der Zeitgeist vielleicht am besten. Sie sind der Spielplatz der Selbstdarstellung: die perfekte Pose für den Instagram-Auftritt, die Zurschaustellung des Privaten auf YouTube, die beste Choreografie für TikTok; das 21. Jahrhundert lebt vom „Ich“.

Für den Erfolg jedes Einzelnen ist es wichtig, ob und wie man sich optimal präsentieren kann. Darin spiegeln sich zwei wesentliche Merkmale unserer Gesellschaft: Dir wird suggeriert, es läge allein an dir, wenn du nicht gut genug bist, und du bist dann am erfolgreichsten, wenn du dich gut verkaufen kannst. Du bist also ein Produkt, das du verbessern kannst. Nicht umsonst sind Begriffe des Marketings in unsere ganz persönliche Welt eingedrungen. Da geht es um „Selbstvermarktung“ und „Soft Skills“, um die „Optimierung“ von Lebensläufen, um zu hebendes „Potenzial“, um „Underperformer“ und „Overachiever“. Diese Ökonomisierung des Individuums wird begleitet von einer Ökonomisierung der Gesellschaft, in der alles auf Nützlichkeit und Verwertbarkeit überprüft und schließlich kapitalisiert wird.

Ob es das Gesundheitswesen ist, die Wissenschaft, der Kulturbetrieb, der Wohnungsmarkt oder der Verkehr. Geisteswissenschaften werden zu Orchideenfächern, wirtschaftlich weniger erfolgsträchtige Forschungsvorhaben haben Finanzierungsprobleme, Wohnungen werden zu Spekulationsobjekten, nicht rentable Bahn- und Busstrecken werden eingestellt, kommunale Schwimmbäder geschlossen, im Krankenhaus haben Pfleger und Schwestern kaum Zeit für Patient:innen, und Kulturschaffende können nur im Massengeschmack oder in subventionierten Nischen überleben.

Mit der Optimierung des „Ich“ geht es früh im Leben los und damit auch mit dem Druck, Erfolg zu haben. Das Motto „wer sich anstrengt, wird Lorbeeren ernten“ sickert auf sehr unterschiedlichen Ebenen in unser Bewusstsein ein. Auf der einen Seite ist Leistung wichtig, um voranzukommen, um die eigene Komfortzone zu verlassen, um Ideen zu entwickeln. Eine Gesellschaft ohne Leistungsbereitschaft kann auf Dauer nicht funktionieren. Auf der anderen Seite kann der Druck, Leistung zu bringen, auch problematisch für eine Gesellschaft sein: Die Erfolgreichen beflügelt dieser Ansatz, schließlich haben sie es „verdient“, dort zu sein, wo sie sind. Sie fühlen sich bestätigt. Wenn die Erfolgreichen ihren Erfolg aber nur in sich selbst begründen, sind sie weniger offen für die Perspektiven der anderen. Auch deswegen ist für diejenigen ohne Erfolg der Frust groß. Schließlich macht ihnen das verinnerlichte Selbstoptimierungsdenken weis, sie seien für ihre Situation selbst verantwortlich, weil sie sich offenbar nicht genug angestrengt, nicht genug an sich gearbeitet haben. Nach dieser Logik haben sie ihren Misserfolg „verdient“.

Ganz unbewusst teilen wir mit diesem Denken die Gesellschaft in Erfolgreiche und Verlierer ein, mit erheblichen nachteiligen Folgen für die demokratischen Systeme. Dass Begabungen angeboren sind, Chancen und Möglichkeiten mit dem sozialen Umfeld korrelieren und gefragte Fähigkeiten einer Konjunktur unterliegen, rückt dabei in den Hintergrund – und die „Ich“-Zentriertheit nach ganz vorne. Eine Ökonomisierung der Gesellschaft und die Vermessung nach rein wirtschaftlichen Kriterien führen zum Verlust des Gemeinsinns, weil die individuelle Leistung und Messbarkeit über allem steht. Gemeinwohl ist aber nicht oder nur sehr schwierig vermessbar.

In unserer Gesellschaft wird Wertschätzung häufig über Bezahlung ausgedrückt. Ursprünglich spiegeln Lohn und Einkommen nur einen Marktwert wider. In einer ökonomisierten Gesellschaft überlagern sich aber Marktwert und Wertschätzung. Wer viel leistet, wer eine seltene Fähigkeit einbringt, wer innovative Ideen entwickelt, der verfügt nicht nur über ein höheres Einkommen, sondern ihm wird auch signalisiert, er habe das verdient. Das ist deswegen problematisch, weil diejenigen Tätigkeiten, die vor allem dem Gemeinwohl dienen, häufig niedrig entlohnt werden. Altenpflegerinnen, Lkw-Fahrer, Sozialarbeiter:innen – unentbehrlich für unsere Gesellschaft – bleiben ohne entsprechende finanzielle Anerkennung.

Dazu kommt, dass die Gehälter und Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter auseinandergedriftet sind. Spätestens seit der Finanzkrise 2008/09 stellt sich die Frage, wieso diejenigen, die mit riskanten Spekulationen zur eigenen Gewinnmaximierung das Finanzsystem zum Kollaps gebracht und damit auch den Wohlstand der Nationen und das Gemeinwohl gefährdet haben, kaum Nachteile in Kauf nehmen mussten, während diejenigen, die sich um die Gesellschaften verdient machen, sie am Laufen halten, sich finanziell strecken müssen. Wenn man dann bedenkt, dass Erfolg – und das ist in unserer Gesellschaft häufig finanzieller Erfolg – als „Verdienst“ angesehen wird, dann ist der Eindruck geschaffen, dass die Gesellschaft diejenigen belohnt, die sich gerade nicht um das Gemeinwohlinteresse gekümmert haben. 

Die Marktwirtschaft kitzelt den Ehrgeiz des Individuums. Und liefert ihm im Falle des Erfolgs auch die Selbstbestätigung. Eine Belohnung für den Einsatz für die Gesellschaft gibt es nur im eingeschränkten Maße. Klatschen, ein Bundesverdienstkreuz, das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Das muss häufig als Anerkennung für Verdienste um die Gemeinschaft reichen. Und es hat so lange gereicht, solange die Balance gewahrt war, solange die Marktwirtschaft starke soziale Komponenten hatte und das Gemeinwohl im Zentrum des gesellschaftlichen Interesses stand. Dabei ist es kein untrennbarer Widerspruch – man kann den Ehrgeiz des Individuums füttern und gleichzeitig diejenigen belohnen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Leistung muss vielleicht nicht nur ausschließlich am Markt gemessen werden, sondern auch am Wert für eine Gesellschaft.

Schließlich lebt unsere Gesellschaft vom Engagement für das Gemeinwohl. Eine meist ehrenamtliche oder manchmal mit einer kleinen Aufwandspauschale entgoltene Tätigkeit für die Gesellschaft war lange Jahre selbstverständlich. Ein verbindlicher Einsatz für die Freiwillige Feuerwehr, den Sportverein, die Kirche, den Chor oder in der Kommunalpolitik gehörte dazu. Neben dem Engagement war ein weiterer positiver Nebeneffekt, dass sich Menschen so auch häufiger quer durch die Berufsgruppen und sozialen Schichten vernetzt haben. Heute fehlt in den traditionellen Tätigkeitsfeldern zivilgesellschaftlicher Organisationen vielerorts der Nachwuchs. Zwar ist in den letzten Jahren die Zahl der freiwillig Engagierten insgesamt angestiegen, aber der Charakter des Engagements hat sich verändert. Das bürgerschaftliche Engagement dient heute vielfach dem persönlichen Zweck, einer begrenzten politischen Interessensaufgabe, vielleicht ist es auch nützlich für den Lebenslauf. Ein längerfristiges verbindliches Engagement ist aber seltener geworden. Und ein immer kleinerer Anteil kann und möchte sich in ehrenamtlichen Leitungsfunktionen engagieren, die einen größeren Aufwand und eine höhere Verbindlichkeit erfordern.

Eine Ursache ist sicherlich in der heutigen Mobilität der Gesellschaft zu finden, aber das ist nicht der einzige Grund. Die Ökonomisierung und „Ich“-Bezogenheit haben ein Denken gefördert, das die Frage, warum ich mich für etwas engagieren sollte, für das ich keinen direkten Gegenwert erhalte, in den Vordergrund rückt. Sinnbildlich dafür ist die Mitgliedschaft im Fitnessstudio (= Unternehmen) statt im Sportverein (=gemeinnützige Organisation), aus der der Wunsch nach einer unverbindlichen individualisierten Kundenbeziehung ohne Pflichten statt nach einer gestaltenden, aktiven und verbindlichen Teilhabe spricht.

Wie sehr dieses Denken schon die Gesellschaft durchdrungen hat, ließ sich in der Pandemie beobachten. Vereine berichteten vielfach über Mitglieder, die ihre Beiträge nicht bezahlen wollten, weil sie ja für die Zeit der pandemiebedingten Schließung keinen Nutzen hätten. Dass ein gemeinnütziger Verein kein Unternehmen mit Gewinnerwartung ist, sondern auf einem solidarischen Prinzip beruht, ist im Bewusstsein kaum noch verankert. Deswegen wäre es wichtig, die Bedeutung des Gemeinsinns wieder stärker in der Gesellschaft zu verankern. Wenn Menschen gemeinschaftlich geteilte Güter wieder wertschätzen lernen, dann können alle profitieren. Ein Park ist dann schön, wenn er nicht vermüllt ist und jeder seine Hinterlassenschaften wieder mitnimmt. Und dafür ist nicht die Stadtreinigung verantwortlich, die man über die Steuern bezahlt, sondern jeder selbst. Das gilt genauso für andere öffentliche Räume wie Bahnhöfe, Toiletten oder den öffentlichen Nahverkehr. Auch wieder stärker die Mitmenschen einzubeziehen, aufeinander zu achten und gegenseitig Rücksicht zu nehmen, statt nur den eigenen Vorteil im Blick zu haben, würde das Ich etwas aus dem Fokus nehmen. Nachbarschaftshilfe – auch in anonymen Großstädten –, die Straße als Raum für alle zu verstehen – für Fußgänger, Radfahrerinnen, Autofahrende – und nicht als Kriegsschauplatz, wo sich der Stärkste durchsetzen muss.

In Extremsituationen blitzt der Gemeinsinn auf. Zu Beginn der Pandemie, als Unsicherheit und Angst vor Ansteckung am größten waren, gab es eine Welle der Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme. Jüngere kauften für Ältere ein, Nachbar:innen interessierten sich plötzlich füreinander, über Balkone, Gärten und Innenhöfe wurde Gemeinsamkeit zelebriert. Ähnliches geschah in den Flutkatastrophengebieten im Westen Deutschlands im Sommer 2021. Haus- und Wohnungsbesitzer öffneten Fremden ihre Türen, Freiwillige aus vielen Bundesländern reisten an, um zu helfen.

Wie aber kann es gelingen, den Gemeinsinn langfristig zu stärken? Wie bei so vielen Dingen ist der Anfang gemacht, wenn in Erziehung und Bildung nicht nur der Erfolg des Einzelnen als Ziel angestrebt wird, sondern Fähigkeiten und Leistungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen anerkannt und belohnt werden. Nicht nur die akademische Bildung muss mit Erfolg assoziiert werden, sondern auch die berufliche. Ein Kind, das nicht auf dem Gymnasium lernt, ist nicht „abgestiegen“. Solange es aber an einer gesellschaftlichen Anerkennung für nichtakademische Berufe fehlt, solange die Wertschätzung vor allem in Geld gemessen wird und gemeinwohlassoziierte Berufe eher unterbezahlt sind, solange werden die Ich-Bezogenheit und der individualisierte Erfolgsweg eine größere Konjunktur haben. Sich um das Gemeinwohl zu kümmern, bleibt dann die Aufgabe von Idealistinnen und Kümmerern. Ein allgemeines Pflichtjahr – also ein Jahr, das jede:r junge Erwachsene der Gemeinschaft schenkt, ob in einem Sozialdienst, im Katastrophenschutz, in der Kulturarbeit, bei der Bundeswehr, im Natur- und Umweltschutz oder der Entwicklungshilfe – könnte nach der Schulzeit ein Fundament für die Wertschätzung des Gemeinsinns legen. Darüber hinaus könnte es der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken und unterschiedliche Milieus, Schichten und Bildungshintergründe zusammenbringen. Auch Kunst und Kultur sind wichtig für das Gemeinwohl. Sie sind im Grundansatz nicht ökonomischen Prinzipien unterworfen und können im Idealfall frei von wirtschaftlichen Zwängen den jeweiligen Zustand der Gesellschaft widerspiegeln oder Utopien entwerfen. Um zu verhindern, dass Kunst und Kultur nur nach Marktgesetzen funktionieren und sich ausschließlich bei einem Massenpublikum beliebte Kunstformen durchsetzen, ist die Unterstützung von Kultur – etwa durch Stiftungen – eine notwendige Bedingung für eine demokratische Gesellschaft. So können sie auch als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft wirken. Kulturförderung ist also essenziell für den Zusammenhalt.

Eine Gesellschaft, in der das Individuum überbetont ist, die sich zu sehr auf das „Ich“ bezieht, birgt die Gefahr auseinanderzudriften, ihren Zusammenhalt zu verlieren. Wenn der Gemeinsinn keine entscheidende Rolle mehr spielt und die Gesellschaft Verdienste um die Gemeinschaft nicht ausreichend schätzt, dann fehlt schnell ein Grundpfeiler der Demokratie, die die Interessen aller einbinden will und nicht nur die Interessen derjenigen, die Erfolg in einem auf marktwirtschaftliche Leistung ausgerichteten Belohnungssystem haben. Sonst fühlen sich die zu Verlierern Abgestempelten irgendwann zurückgesetzt. Gibt es eine politische Figur, die in der Lage ist, diesen Unmut und Zorn zu bündeln, wachsen antidemokratische, populistische und antielitäre Bestrebungen. Insofern ist es auch für den Fortbestand der Demokratie wichtig, den Gemeinsinn einer Gesellschaft zu stärken. Den Stiftungen kommt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle zu. Sie können ihre Förderprogramme, ihre Arbeit auf die ganze Gesellschaft richten und damit Gräben überwinden, Perspektivwechsel ermöglichen und Menschen zusammenbringen, die sich sonst qua Milieu, Schicht, Ausbildung nicht begegnet wären. Sie können helfen, das Interesse für das Gemeinwohl zu stärken, und die Bedeutung herausstreichen, die ein Engagement für die Gemeinschaft hat. Sie können Individuen helfen, ihren Blick zu öffnen und über das „Ich“ hinaus das „Wir“ mitzudenken. 

Ob alleine oder im bürgerschaftlichen Engagement – es ist eine Aufgabe für alle, den Platz für Gemeinsinn in der Gesellschaft wieder größer zu machen. Jeder kann seinen Beitrag dazu leisten.


Ariane Reimers studierte Geschichte, Journalistik und Politische Wissenschaft (M.A.) in Hamburg und Buenos Aires. Seit 2001 arbeitet sie als Journalistin in verschiedenen Redaktionen beim NDR und bei der ARD. Von 2010 bis 2015 war sie ARD-Korrespondentin in Peking und danach bis Ende 2020 Fernsehkorrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio. Sie ist Senior Associate Fellow bei MERICS (Mercator Institute for China Studies). Für ihre journalistische Arbeit erhielt Ariane Reimers u.a. den Hanns-Joachim-Friedrichs-Förderpreis (2011), und sie wurde als „CNN Journalist of the Year 2006“ ausgezeichnet. Seit Oktober 2021 arbeitet sie als ARD-Programmreferentin in der Intendanz des rbb. Ariane Reimers ist Mitglied des Stiftungsrats der Claussen-Simon-Stiftung. 

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