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#Bildende Kunst #Bildung #Schule #Schule in Zeiten von Corona #Vermittlung

Nachhaltige Förderung: Claussen-Simon-Wettbewerb für Schulen 2014 – und noch immer realisieren wir Kunstprojekte am Gymnasium Allee

Heidrun Kremser, Kunstlehrerin und Projektleiterin

Von 2012 bis 2019 wurden beim Claussen-Simon-Wettbewerb für Schulen von der Claussen-Simon-Stiftung innovative Lehrprojekte an Hamburger Stadtteilschulen und Gymnasien gefördert. Im Jahr 2014 hatte sich auch das Gymnasium Allee in Altona-Nord mit einem Projekt im Fachbereich Kunst beworben. 
Mit unserer Idee wollten wir an eine seit vielen Jahren gewachsene Projektkultur anknüpfen. In zahlreichen Kooperationen mit Künstler:innen, Architekt:innen und Designer:innen hatten wir in den Vorjahren immer wieder sehr viele positive Erfahrungen gewonnen. Nun wollten wir in 2014 einen Schritt weiter gehen, dieses Konzept um eine Dimension erweitern und damit auch einen Baustein zur Schulentwicklung beitragen: Wie bisher sollte es für die Schüler:innen zunächst einmal darum gehen, die Arbeit der Kooperationspartner:innen kennenzulernen, Anregungen aufzugreifen, daraus eigene Strategien abzuleiten und sie in einer Projektarbeit zu realisieren. Im Anschluss daran – jeweils zum Abschluss des Semesters – sollten die Schüler:innen dann aber auch selbst zu Lehrenden werden und die in der Projektarbeit gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen an jüngere Mitschüler:innen aus dem Wahlpflichtbereich weitergeben – „Peer-to-Peer“ heißt das im pädagogischen Fachjargon. 
„Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ lautete deshalb auch der Titel unseres Konzepts, das nur mit der Unterstützung der Oberstufenschüler:innen überhaupt an den Start gehen konnte – denn was gelingen soll, muss auch und gerade von ihnen getragen werden. Das war auch der Gedanke, den die Claussen-Simon-Stiftung bei ihrem Wettbewerb fokussierte.

Wer weiß, wie schwierig es ist, einen Topf zu finden, aus dem man Künstler:innen bezahlt, die in den Unterricht kommen, kann sich ungefähr vorstellen, wie groß die Freude war, als die Claussen-Simon-Stiftung uns ihre Förderung zusagte. Projekte aus drei Hamburger Schulen waren aus einer ganzen Reihe von Bewerbungen ausgewählt worden. Am 17. November 2014 wurden sie in den Mozartsälen von Schulsenator Ties Rabe feierlich „Ausgezeichnet!“ (so der Titel der Veranstaltung).

Das ist lange her – und seitdem ist einiges passiert: Wir haben elf ganz verschiedene Semesterprojekte und anlässlich der documenta 14 einen Schüleraustausch mit einem Kunstkurs aus Kassel organisiert. So unterschiedlich wie unsere Kooperationspartner:innen waren auch die Themen der Beschäftigung: Von Handydesign zur Bühneninstallation, von Entwürfen eines Schulhofkiosks zu Farbholzschnitten, von Pop-ups bis Performance, von Objektkunst bis Fotografie reicht das Spektrum.

Ich möchte gerne einen Einblick in die beiden letzten Projekte geben. Wer auch über die anderen Projekte mehr erfahren möchte, kann sich auf der Website des Gymnasiums Allee umschauen.


Lebens-Muster – Ein Fotografie-Projekt mit Sandra Hermannsen

Das 10. Projekt in der Reihe „Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ fand nach einer coronabedingten Pause im Sommersemester 2021 statt. Aber Corona war noch längst nicht vorbei! Und so startete die Kooperation des Profilkurses Kunst im 2. Semester unter meiner Leitung mit der Fotografin Sandra Hermannsen im sogenannten „Distanzformat“ vor dem Computerbildschirm.
Sandra Hermannsen studierte Kunst in Kiel und arbeitet als Reportage- und Dokumentarfotografin. Wer einen Blick auf ihre Website wirft, merkt schnell, mit wieviel Neugier und Feingefühl sie sich ihren Sujets nähert. In zahlreichen Workshops hat sie zudem auch einige Erfahrung in der Vermittlung von Fotografie gesammelt.

Um ihr „ein Bild davon“ zu vermitteln, wer ihr auf der anderen Seite vor dem dunklen Bildschirm gegenübersitzt, hatten sich die Schüler:innen zu Beginn der Zusammenarbeit in vier Fotografien selbst portraitiert. Es sollte lange dauern, bis Sandra Hermannsen sie ganz real zu Gesicht bekam. Vorher hatte sie längst gelernt, sie an der Stimme zu erkennen. Und das zeigt vielleicht schon, mit welcher Offenheit und Zugewandtheit sie sich in die Begegnung einbrachte.
Es waren tatsächlich besondere Voraussetzungen, mit denen wir hier umgehen mussten. So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt. Aber es half ja nichts – und so versuchten wir, das Beste aus der Situation zu machen.
Zunächst stellte Sandra Hermannsen den Schüler:innen ihre Arbeit vor und beantwortete Fragen zu ihrem Werdegang und zum Berufsbild „einer Fotografin“. Dann ging es an die praktische Arbeit. In kleinen, einfachen Übungen versuchten wir zunächst, Grundlagen der Bildgestaltung zu vermitteln und die Augen zu öffnen für die Möglichkeiten und Mittel der Fotografie.
Wie setzt man ein Objekt ins Bild? Und wie „in Szene“? Lässt sich die Fotografie auch als Mittel der Entdeckung und Begegnung nutzen, das „die Augen öffnet“ für das, was um uns ist, andere Perspektiven darauf erschließt und uns mit ihm in Kontakt bringt?

Die Arbeitsaufträge wurden zunehmend komplexer: Während es zunächst darum ging, eher formale Fragen zu klären, kam bald auch der inhaltliche Aspekt immer stärker ins Spiel. Nach und nach sollte es nämlich auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen Person gehen – damit, wie man sich in seiner Umwelt erlebt, welchen Platz man darin findet und welche Rolle man „spielt“.
Bilder von „Haut und Haar“ regten zu einem empathischen Blick auf das Gegenüber an, in der Übung „Schlechte Verstecke“ ging es um die mehr oder minder nahtlose „Verschmelzung“ mit dem Bildhintergrund und dabei auch um die Reflexion tiefergehender Fragen: Passe ich mich an das (gesellschaftliche) Umfeld an? Oder grenze ich mich ab? Habe ich den „Mut“ (so der Titel einer weiteren Übung), eine eigene Position zu beziehen und Grenzen zu überschreiten? Was beengt mich? Wie gehe ich mit vorgegebenen Strukturen, Rollenmustern oder Ordnungsprinzipien um? Was bestimmt meinen Alltag und inwieweit kann ich selbst bestimmen?
Fragen wie diese leiteten dann zum größeren Abschlussprojekt über. Den Impuls dafür gab noch einmal ein Blick auf die freie Arbeit von Sandra Hermannsen, in der sie sich in unterschiedlichen, poetisch inszenierten Bildsequenzen mit dem Thema Rhythmus und Muster auseinandergesetzt hatte.
Unter dem Titel „Lebens-Muster“ gestalteten die Schüler:innen dann ihre eigenen Bildsequenzen. So verschieden, wie sie sind, so unterschiedlich waren auch ihre Zugangsweisen. Was für ein Spektrum an Positionen! Und dann? Als eigentlich alles schon vorbei war, erlebten wir einander doch noch einmal live, bevor das Schuljahr zu Ende ging. Und wir stellten fest, dass die beste Fotografie doch eines nicht ersetzt: die direkte Begegnung!


Mit der Tide gehen – Ein Architekturprojekt mit Susanne Szepanski

Im Wintersemester 2021/22 bot die Architektin Susanne Szepanski wieder einmal ihre Kooperation an und wir freuten uns, sie zum 11. Projekt unserer Reihe – diesmal in meinem Profilkurs Kunst S3 – begrüßen zu können. Als Begründerin der Initiative „Architektur und Schule“ der Hamburger Architektenkammer ist Susanne Szepanski Expertin in Sachen Architekturvermittlung, das haben wir schon in einigen gemeinsamen Projekten mit großem Gewinn erfahren dürfen. 
Und wie schön, dass wir nach den Sommerferien im Präsenzunterricht starten und uns im direkten Kontakt begegnen konnten!

Zunächst ging es um einen allgemeinen Zugang zum Thema Architektur: Welche Erfahrungen habt ihr? Aus welchem Anlass habt ihr euch schon einmal Gedanken um Architektur gemacht? Was macht den Beruf der:s Architekt:in aus und was unterscheidet ihn von dem eines:r Künstler:in? Wie frei ist ein:e Architekt:in in der Gestaltung? Fragen wie diese luden zum Erfahrungsaustausch und zur Diskussion ein. Mit kleinen Stegreifübungen stiegen wir in die Praxis und die Beschäftigung mit Hülle und Form, Körper und Raum ein.

Im Anschluss daran stellten wir den Schüler:innen die Frage: Wie wollen wir wohnen? Damit griffen wir einen aktuellen Diskurs auf, der angesichts drängender gesellschaftlicher Veränderungen und begrenzter Ressourcen auch im Bereich der Architektur neue Antworten sucht. Einige beispielhafte Konzepte zum Wohnen auf kleinem Raum und Ideen gemeinschaftlichen Wohnens boten Anregung, selbst über bisher vielleicht ganz „un-gewohnte“ Möglichkeiten nachzudenken.
Als imaginären Bauplatz hatten wir uns den Campingplatz am Falkensteiner Ufer ausgesucht. In einer Ortsbegehung erkundeten die Schüler:innen dessen Eigenschaften und Potenziale, um dann eigene Konzepte für gemeinschaftliches Wohnen zu entwickeln – Künstler:innensiedlung, Studierendencampus, gemeinschaftliche Forschungsstätte oder Familienparadies. Alles schien möglich.
Diesen Konzepten aber nun auch Form zu geben, war allerdings ein durchaus komplexes Unterfangen, denn wer die Lage des beliebten Campingplatzes kennt, weiß: Hier galt es nicht nur, zukunftsweisende Wohnträume zu erfüllen, sondern auch auf ganz reale Bedingungen zu reagieren: Direkt am Elbstrand, zwischen bewaldetem Geesthang und Wasser gelegen, ist es ein hochattraktiver Ort mit hohem Aufenthaltswert – allerdings mit einem Haken: Er ist gefährdet, wenn das Wasser steigt! 
Und dass damit im Lauf der Jahreszeiten, aber vor dem Hintergrund des Klimawandels eben auch ganz grundsätzlich, zu rechnen ist, wissen wir als Hamburger:innen gut genug. Die verheerenden Überflutungen im Westen Deutschlands hatten uns das Problem erst wenige Wochen zuvor noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt.
Susanne Szepanski stellte den Schüler:innen verschiedene bauliche Strategien vor, ganz nah am Wasser zu bauen und sich doch dagegen zu schützen: Diese galt es nun anzuwenden und in einen eigenen Entwurf zu überführen.
Ausgestattet mit einigen Kniffs und Tricks in Sachen Modellbau machten sich die Schüler:innen an die Arbeit, ihre Ideen im Maßstab 1:50 sichtbar werden zu lassen: Während Felix seine kleinen Wohneinheiten in eine Warft einbettete und den Bewohner:innen die Möglichkeit gab, eine Sturmflut, geschützt von dickem Glas, auch einmal „hautnah“ (allerdings mit einem jederzeit sicheren Weg nach draußen!) zu erleben, ließ sich Nino formal von der Form eines Schiffes inspirieren und schützte das Untergeschoss ihres Hauses durch Schotten. Der erste Stock aber ruhte auf einem Deich und bot die Möglichkeit, auch bei extremem Hochwasser über den Fluten zu stehen. Viktor stattete seinen Bau mit untergelagerten Schwimmkörpern aus, sodass er sich – gehalten von stabilen im Wasser verankerten Pfählen – mit dem Wasserstand heben und senken konnte, während Nazar und Asya ihr Haus lieber gleich ein wenig vom Ufer abrückten und auf Stelzen setzten.
So boten all diese Bauten Schutz vor extremen Wasserständen. Schön! Aber noch lange kein Grund, dem Klimawandel tatenlos zuzusehen!

Die Förderung der Claussen-Simon-Stiftung hat uns eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht. Die Kooperationsprojekte sind inzwischen aus dem Kunstunterricht der Oberstufe am Gymnasium Allee nicht mehr wegzudenken. Und der Gedanke des Peer-to-Peer ist auf der Basis unserer guten Erfahrungen auch in andere Bereiche der Schulentwicklung eingegangen.
Nicht knauserig, aber auch nicht verschwenderisch haushalten wir mit den Mitteln, um die Möglichkeit zu haben, den Kreativen, die zu uns in die Schule kommen, ein angemessenes Honorar zu zahlen und noch für einige Zeit möglichst viele Schüler:innen in den Genuss eines solchen kulturellen und kommunikativen Austauschs zu bringen! Immer wieder und immer neu: Danke an die Claussen-Simon-Stiftung!


Foto: Leo v. B., im Rahmen des Fotografieprojekts "Lebens-Muster"

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