Touch Movement 空流: Tanz, Körper und irreversible Spuren
Jasmine Fan, stART.up-Alumna
Als ich beim stART.up-Kinotag erfuhr, dass das Residenzprogramm dépARTS auch Künstler:innen mit Familie eine Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt eröffnet, hat mich das sofort berührt. Nach meiner Schwangerschaft wollte ich meine künstlerische Arbeit nicht nur wieder aufnehmen, sondern auch in eine neue Richtung weiterentwickeln. Drei Monate in Paris an der Fondation Fiminco arbeiten zu können, erschien mir deshalb wie ein sehr besonderer Schritt.
Als wir in der Fondation Fiminco ankamen, war das Gelände noch teilweise von Baustellen geprägt. Gleichzeitig wirkte alles neu, im Aufbau und voller Energie. Dieser Zustand blieb mir in Erinnerung: ein Ort, der noch nicht ganz abgeschlossen war und sich dennoch schon klar als künstlerischer Raum behauptete. Für uns als Familie war es zudem ein großes Glück, eine freundliche und vom Team gut eingerichtete Unterkunft zu bekommen. Der Alltag in der Residenz war intensiv und klar strukturiert. Jede Werkstatt wurde begleitet, und einmal pro Woche gab es direkte Betreuung. Diese Begleitung war für mich besonders wichtig, weil ich viele technische Prozesse zum ersten Mal ausprobierte. Die Residenz war zudem durch mehrere Stationen gegliedert: dem Open Studio am 2. November 2025, professionellen Studio Visits, dem Fiminco Lunch und schließlich der Farewell-Ausstellung am 6. Dezember 2025 in La Chaufferie.
Welche Formen können Bewegungen annehmen?
Im Zentrum meiner Residenz stand mein Projekt „Touch Movement 空流“. Darin beschäftige ich mich mit der Frage, wie Tanzbewegung in andere Formen übersetzt werden kann: in Bilder, in Daten, in skulpturale Formen und in räumliche Spuren. Mich interessiert dabei besonders die Beziehung zwischen Körper und Raum. Wie kann Tanz, der normalerweise flüchtig ist, in einer anderen Form weiterbestehen?
„Touch Movement“ verstehe ich als eine Weiterentwicklung meines früheren Projekts „COLOR色“, in dem ich bereits mit sechs Millimeter-Wave-Radarsensoren gearbeitet habe. Mein Plan für die Residenz war es, die durch Sensoren erzeugten Bewegungsdaten meines Tanzes in Echtzeit weiterzuverarbeiten und daraus neue visuelle und materielle Formen zu entwickeln – von 2D-Animationen bis hin zum 3D-Druck. Millimeter-Waves sind Wellen, die nur vom menschlichen Körper reflektiert werden können. Der Sensor erfasst also nicht einfach ein Bild des Tanzes, sondern die Präsenz des Körpers im Raum, seine Distanz und seine dynamischen Spuren. Mich interessiert gerade diese Beziehung zwischen Körper, Raum und Bewegung: nicht als Abbild, sondern als Übersetzung von Bewegungsspuren. Durch diesen Prozess werden Daten zunächst in ein 2D-Bild und anschließend in eine 3D-skulpturale Form übertragen. So versuche ich, einen flüchtigen Moment des Tanzes festzuhalten – als Verdichtung von Zeit, Raum und menschlicher Präsenz. Für diesen Prozess arbeitete ich mit dem Ingenieur Wei-Cheng Hsu aus Taiwan zusammen. Die Präsentation wurde musikalisch von dem in Paris lebenden Musiker Akram Hajj begleitet.
Vor allem die Arbeit mit dem 3D-Drucker hat mich nachhaltig beschäftigt. Ein einzelner Druck dauerte oft vier bis fünf Stunden, manchmal musste ich sogar bis zur nächsten Woche warten, um das Ergebnis sehen zu können. Gleichzeitig hatte genau das etwas Faszinierendes: Aus flüchtigen Bewegungsdaten, räumlichen Beziehungen und kaum festhaltbaren Spuren entstand plötzlich etwas Materielles. Und doch blieb das Resultat nie ganz kontrollierbar. Manche Teile brachen, manche Drucke entwickelten unerwartete Formen, manche Ergebnisse waren fragil oder unvollständig. Dadurch fühlte sich jeder Druck fast wie eine Performance an – mit offenem Ausgang, mit Zufall und mit einer eigenen Zeitlichkeit.
Neben dieser technischen Arbeit war auch das Umfeld in Paris und an der Fondation Fiminco für mich sehr prägend. Besonders stimulierend war die Dichte des Kunstkontexts: Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen, Art Basel, Museum, Studio Visits und informelle Gespräche. Bei einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch mit anderen Künstler:innen wurde mir noch einmal deutlich, wie sehr die visuelle Kunst einen Makroblick auf künstlerische Prozesse eröffnen kann. Für mich als Choreografin war das ein wichtiger Perspektivwechsel.
Die Suche nach der neuen Identität
Ein Wendepunkt war für mich die Zeit nach dem Open Studio. Obwohl wir eine gelungene erste Präsentation von „Touch Movement“ zeigen konnten, fehlte mir danach eine innere Klarheit. Ich stellte mir grundlegende Fragen: Warum tanze ich? Was geschieht mit meinem Körper, wenn Bewegung in ein Bild, ein Objekt oder eine räumliche Struktur übersetzt wird? Im Austausch mit anderen Künstler:innen und durch die Arbeit in verschiedenen Werkstätten wurde mir langsam klarer, dass dieses Projekt eng mit meiner eigenen Transformation verbunden ist. Nach Schwangerschaft und mit der Mutterschaft hat sich mein Verhältnis zu Körper, Zeit und Identität verändert. Dadurch wurde „Touch Movement“ für mich zu einer Recherche über irreversible Prozesse, die ich immer wieder festzuhalten versuche.
Diese Fragen spiegelten sich auch in den Arbeiten wider, die während der Residenz entstanden. In der Keramikwerkstatt entwickelte ich ein Werk, das von meiner Vorstellung der Beziehung zwischen Tanz und Raum ausgeht. Es ist kein keramisches Objekt im klassischen Sinn, sondern eher ein fragiler, aus Keramik zusammengesetzter Raum. An einem ähnlichen Gedanken arbeitete ich auch mit Stephan Zimmerli, einem Künstler aus einem anderen Residenzprogramm an der Fondation Fiminco, dessen Praxis sich zwischen Zeichnung, Szenografie, Musik und Architektur bewegt. Gemeinsam versuchten wir, meine Tanzbewegung mit Kohle auf Papier festzuhalten – einem Material, das leicht verwischt, abfällt und nie ganz stabil bleibt. Diese Erfahrung hat mich stark berührt: Jedes Mal, wenn ich versuche, Bewegung zu bewahren, bewahre ich zugleich etwas Flüchtiges, etwas, das sich bereits wieder entfernt.
Aus der Residenz nehme ich vor allem eine Erweiterung meiner choreografischen Praxis mit. „Touch Movement“ soll sich in Zukunft zu unterschiedlichen Formaten weiterentwickeln: als Choreografie, als Installation und als Arbeit, die in jeder Präsentation zugleich den jeweiligen Moment aufzeichnet und woraus weitere skulpturale Formen hervorgehen können. Was ich aus Paris am stärksten mitnehme, ist eine neue Richtung für mein choreografisches Arbeiten. Die in Paris begonnene Recherche möchte ich in zukünftigen Residenzen, Ausstellungen und Aufführungen weiterentwickeln. Besonders interessiert mich der Austausch mit Partner:innen und Institutionen, die an transdisziplinären Formaten zwischen Choreografie, Installation, Technologie und visueller Kunst interessiert sind.
Jasmine Fan ist Choreografin, Tänzerin und interdisziplinär arbeitende Künstlerin. In ihrer Arbeit verbindet sie zeitgenössischen Tanz mit visueller Kunst, Technologie, Raumforschung und performativen Formaten. Mit ihrem Projekt „Touch Movement 空流“ untersucht sie, wie sich Bewegung in Daten, Bilder, Materialien und skulpturale Spuren übersetzen lässt. Als stART.up-Alumna war Jasmine Fan Stipendiatin des Residenzprogramms dépARTS, das eine Kooperation der Claussen-Simon-Stiftung mit der Fondation Fiminco in Paris.
Mehr Informationen auf ihrer Website jasminefan.de und auf Instagram unter @jasminefan0921.
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