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"Weil er es war, weil ich es war": Eine literarisch-philosophische Spurensuche über das Wesen der Freundschaft
Julia Alber, Horizonte-Alumna
Das Konzept der Freundschaft scheint auf den ersten Blick auf der Hand zu liegen. Wir alle sehnen uns nach ihr und glauben intuitiv zu wissen, was einen guten Freund ausmacht. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, die zunehmend durch flüchtige soziale Kontakte und digitale Netzwerke geprägt ist, sodass der Begriff Freundschaft so inflationär wie nie zuvor verwendet wird und somit an Kontur verliert.
Also, was meinen wir eigentlich im Kern, wenn wir von Freundschaft sprechen? Tatsächlich reicht die Reflexion über Freundschaft, ihr Wesen und ihre Bedeutung für das menschliche Glück bereits viele Jahrhunderte bis an den Anfang der Philosophie zurück und wird von Autor:innen wie etwa Aristoteles thematisiert.
In meiner Masterarbeit habe ich mich daher auf eine Zeitreise begeben, um diesem ebenso offensichtlichen wie rätselhaften Begriff auf den Grund zu gehen. Hierbei habe ich mich zunächst den Ursprüngen des Denkens über Freundschaft in der Antike zugewandt und ein Werk des berühmten römischen Autors Cicero betrachtet, bevor ich sodann die Epoche der französischen Renaissance in den Blick nahm. Zwei Texte standen hierbei im Fokus: Ein Essay des Schriftstellers Michel de Montaigne sowie eine politische Abhandlung des Autors Étienne de la Boétie.
Widmen wir uns zunächst Ciceros Konzept von Freundschaft. Im Jahr 44 v. Chr. verfasste Marcus Tullius Cicero, einer der bedeutendsten Schriftsteller und Philosophen der römischen Antike, den Dialog Laelius de amicitia. Zu jener Zeit befand sich Rom in einer existenziellen politischen Krise. Nach der Ermordung Caesars geriet die Republik ins Wanken. In dieser Atmosphäre der Unsicherheit, geprägt durch die Angst eines bevorstehenden Bürgerkrieges, konzipiert Cicero Freundschaft als vorrangig politisches Element. Er orientiert sich hierbei an den Ideen von Aristoteles, der die Freundschaft der Tugendhaften als höchste, vollkommene Form ansieht, der sich die auf Nutzen oder Lust basierenden Freundschaften unterordnen. Auch Cicero ist der Ansicht, dass wahre Freundschaft nur zwischen guten, tugendhaften Menschen möglich ist.
Doch was zeichnete einen „guten“ Menschen im antiken Rom aus? Im römischen Wertesystem war die Tugend untrennbar mit dem Staatswohl verknüpft. Tugendhaft zu sein, bedeutete für Cicero, sich für die Aufrechterhaltung der römischen Republik, der von ihm bevorzugten Staatsform, einzusetzen und diese zu verteidigen. Mit anderen Worten begründet sich die Zuneigung zum Freund darin, dass man die gleichen Werte teilt und gemeinsam für die Republik einsteht. Freundschaft war somit ein wichtiges Element zur Stabilisierung der politischen Ordnung.
Fast 1600 Jahre später begegnen wir einem völlig anderen Entwurf (der Freundschaft), der den Fokus vom Staat weg und auf das Innere des Individuums lenkt. Michel de Montaigne, der Begründer der Essayistik, skizziert in seinem berühmten Essay De l’Amitié (Von der Freundschaft) eine Idealvorstellung von Freundschaft, die bis heute zu den schönsten Texten der Weltliteratur zählt. Montaignes Reflexionen stellen allerdings kein theoretisches Konstrukt dar, sondern bilden das Ergebnis einer tiefgreifenden persönlichen Erfahrung: seiner außergewöhnlichen Beziehung zum Schriftsteller Étienne de la Boétie. Ihre Begegnung war von einer Intensität, die Montaigne als fast schon schicksalhaft beschreibt. Sie dauerte nur wenige Jahre, da La Boétie bereits früh verstarb, und sie hinterließ eine Lücke, die Montaigne durch das Schreiben zu füllen versuchte.
Im Gegensatz zu Cicero löst Montaigne die Freundschaft aus dem Kontext der Tugendhaftigkeit und der staatlichen Nützlichkeit heraus. Für ihn ist die vollkommene Freundschaft eine fast schon spirituelle Erfahrung, die er als „Verschmelzung der Seelen“ umschreibt. Er beschreibt sie als ein Phänomen, das sich der rationalen Analyse entzieht. Auf die quälende Frage nach dem „Warum“ dieser Bindung gibt er folgende Antwort, die den Kern seines Freundschaftsverständnisses auf den Punkt bringt:
"Parce que c’était lui, parce que c’était moi." (Weil er es war, weil ich es war.)
Mit dieser Aussage bringt Montaigne zum Ausdruck, dass Freundschaft für ihn zum absoluten Selbstzweck wird. Sie ist nicht mehr Mittel zum Zweck der staatlichen Stabilität, sondern fokussiert sich vollkommen auf die Freunde selbst und auf ihre Beziehung als intime, vertrauensvolle Zusammenkunft zweier Individuen. Somit grenzt sich Montaigne eindeutig von antiken Konzepten ab, die Freundschaft in Bezug auf eine externe Größe – wie etwa die Tugend – verorten.
Interessanterweise beschäftigte sich auch Montaignes Freund La Boétie selbst mit dem Thema Freundschaft, allerdings in einem politischen Kontext. In seiner berühmten Schrift Discours de la servitude volontaire (Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft des Menschen) analysiert er, warum Menschen sich freiwillig einem Tyrannen unterwerfen – und sieht eine Lösung, diesem Zustand zu entkommen, unter anderem in der Freundschaft.
La Boétie zufolge nährt sich die Tyrannei durch die Isolation des Einzelnen. In einem Klima aus Angst und Unsicherheit sähen die Tyrannen Misstrauen unter den Menschen und versuchen, sie gegeneinander auszuspielen. Für La Boétie ist die Freundschaft daher das Gegenmittel zur Unterdrückung. Wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, Vertrauen fassen und sich gegenseitig wertschätzen, dort endet die Macht des Alleinherrschers. Während Montaigne also die persönliche Dimension von Freundschaft hervorhebt, wird der Begriff unter La Boétie politisiert.
In meiner Masterarbeit wollte ich diese literaturwissenschaftliche Analyse mit einer fachdidaktischen Perspektive verbinden. Als zukünftige Lehrkraft für die Fächer Spanisch und Französisch widmete ich mich daher ebenfalls dem Potenzial der Freundschaftsthematik für den Französischunterricht und der Frage, inwiefern sich die Texte von Montaigne und La Boétie im Unterricht behandeln lassen. Hierfür habe ich eine Unterrichtseinheit entwickelt, bei der ich vor der Herausforderung stand, diese sprachlich anspruchsvollen Texte zu didaktisieren – also sie so für die Lernenden aufzubereiten und an ihre Lernniveaus anzupassen, dass eine gute Bearbeitung gelingen kann. Zwei Konzepte waren dafür entscheidend:
- Die Anknüpfung an die Lebenswelt: Freundschaft ist ein hochemotionales Thema, zu dem alle Lernenden bereits Vorwissen und eigene Erfahrungen besitzen. Das Potenzial dieser Ressourcen kann gezielt genutzt und aktiviert werden, um den Zugang zu den Texten zu ebnen.
- Scaffolding: Es nützt wenig, Schülerinnen und Schülern einen französischen Text des 16. Jahrhunderts vorzulegen, ohne ihnen die Werkzeuge zur Entschlüsselung an die Hand zu geben. Dies kann in Form von Scaffolding erfolgen. Durch gezielte sprachliche und inhaltliche Lerngerüste werden die Lernenden systematisch unterstützt. Diese Hilfen – wobei hierzu in etwa Wortschatzhilfen oder strukturierende Lesefragen zählen – werden im Laufe des Lernprozesses schrittweise abgebaut, bis die Lernenden die Texte selbstständig interpretieren können.
Am Ende dieser intensiven Auseinandersetzung bleibt schließlich die Erkenntnis, dass Freundschaft ein universelles Bedürfnis und gleichzeitig ein wandelbares Konzept ist. Der Begriff unterliegt stetig Veränderungen und Transformationen, in Abhängigkeit des jeweiligen philosophischen und literarischen Kontextes, in dem er verhandelt wird. Bei Cicero lernten wir, dass Freundschaft Verantwortung bedeutet – gegenüber dem anderen und gegenüber der Gesellschaft. Bei Montaigne fanden wir den Mut zur bedingungslosen Subjektivität, zum "Einfach, weil er mein Freund ist". Und bei La Boétie entdeckten wir die Kraft der Freundschaft als Mittel zur Erlangung der Freiheit.
Auch wenn die heutige digitale Welt den Begriff der Freundschaft dehnen und manchmal strapazieren mag, bleibt seine Essenz dennoch zeitlos. Ob im alten Rom, in der französischen Renaissance oder im Französischunterricht von heute: Freundschaft bleibt der Raum, in dem wir am meisten wir selbst sein können. In einer Zeit politischer Polarisierung könnten wir Ciceros Gedanken ruhig ein bisschen mehr Beachtung schenken – im Sinne von Freundschaft als Wertegemeinschaft. Ebenso könnten wir uns in Zeiten von Selbstoptimierungswahn ruhig Montaignes Worte zu Herzen nehmen – und den Freund oder die Freundin als jemanden betrachten, den man einfach um seiner oder ihrer selbst willen mag.
Zum Schluss bleibt nur noch eine Frage offen: Und was bedeutet für dich Freundschaft?
Julia Alber hat über das Thema Freundschaft einen Pecha-Kucha-Vortrag beim diesjährigen Neujahrssymposium gehalten. Ihre eigene Antwort auf die Frage, was Freundschaft für sie persönlich bedeutet:
"Freundschaft ist für mich in erster Linie ein Gefühl der bedingungslosen Wertschätzung. Es ist das Gefühl, zu wissen, dass man sich voll und ganz auf eine andere Person verlassen kann. Die Gewissheit, dass man dieser Person seine Träume und Sorgen anvertrauen kann und dass sie einen so akzeptiert, wie man ist. Bei unseren Freund:innen können wir ganz wir selbst sein, ohne uns verstellen zu müssen. Freundschaft bedeutet für mich auch Zusammenhalt. Meine Freund:innen und ich geben uns gegenseitig Kraft und ziehen aus unserer Beziehung den Mut, gemeinsam für unsere Werte und Überzeugungen einzustehen. Ich denke, dass dies in der heutigen Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist: Zusammenzuhalten und gemeinsam mutig zu sein."
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