Man entdeckt nicht nur die Vergangenheit, sondern vor allem Menschen - mein Praktikum im Tagebucharchiv
Eileen Morgana Brown, Master Plus-Stipendiatin
Die Gedanken und das historische Wissen der Menschen befinden sich nicht nur in ihren Köpfen, Bräuchen und Bauwerken, sondern auch in Archiven. Dort lassen sich verschiedenste Arten von Archivalien finden: Kriminalakten, Geburtsregister, Zeitungen, aber auch persönlichere Quellen, sogenannte Ego-Dokumente.
Sechs Wochen lang durfte ich ein Archiv unterstützen, das sich auf eben diese persönlichen Zeugnisse spezialisiert hat: das Deutsches Tagebucharchiv in Emmendingen. Es sammelt vor allem Tagebücher, aber auch Erinnerungen und Briefe gehören zum Bestand. Diese Dokumente geben Einblicke in ganz unterschiedliche Lebenswelten, von Kriegstagebüchern über Aufzeichnungen von Hausfrauen, Jugendlichen oder Eltern bis hin zu Reisetagebüchern – und das über mehrere Jahrhunderte hinweg. Dabei werden nicht etwa die Tagebücher berühmter Persönlichkeiten gesammelt, sondern die ganz „normaler“ Bürger:innen.
Da sich die Autor:innen stark voneinander unterscheiden und verschiedene Hintergründe haben, finden sich auch eine Vielfalt an Schreibweisen und Inhalten. Manche Einträge bestehen aus knappen, stichwortartigen Notizen, die sich ausschließlich auf den jeweiligen Tag beziehen und kaum persönliche Reflexion enthalten. Andere wiederum sind geprägt von ausführlichen, emotionalen Schilderungen – von Liebe, Sehnsucht oder Verzweiflung.
Dieser vielfältige Schatz wird in Emmendingen bewahrt. Das Deutsche Tagebucharchiv e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der 1998 von Frauke von Troschke gegründet wurde. Sie leitete das Archiv 18 Jahre lang, bis 2016 ein Vorstandsteam unter der Leitung von Marlene Kayen die Arbeit übernahm. Besonders bemerkenswert ist die Organisationsstruktur, denn neben vier festangestellten Mitarbeitenden engagieren sich rund 100 Freiwillige für das Archiv.
Das Tagebucharchiv ist damit ein sogenanntes Citizen-Science-Projekt. Darunter versteht man Forschungsprojekte, an denen auch Menschen ohne professionelle wissenschaftliche Ausbildung aktiv mitwirken. Hierbei sammeln und analysieren nicht nur Forschende an Universitäten oder Instituten Daten, sondern auch interessierte Freiwillige aus der Öffentlichkeit leisten einen wichtigen Beitrag.
Damit die Dokumente wissenschaftlich nutzbar werden, müssen sie zunächst erschlossen werden. Jedes Tagebuch durchläuft daher einen umfangreichen Bearbeitungsprozess: Die Archivalien werden katalogisiert, häufig transkribiert, inhaltlich erschlossen, verschlagwortet und schließlich in eine Datenbank eingepflegt. Einen Großteil dieser Arbeit übernehmen die Ehrenamtlichen. Darüber hinaus organisiert das Archiv Lesungen, veröffentlicht Publikationen und informiert seine Mitglieder regelmäßig via Neuigkeitenbrief über alle Vorgänge, wie zum Beispiel darüber, welche Forschungsvorhaben das Archiv betreut. Wer das Tagebucharchiv unterstützen möchte, kann Mitglied werden und so seine Arbeit fördern.
Für dieses freiwillige Praktikum habe ich mich entschieden, weil ich als angehende Historikerin einen Einblick in die Archivarbeit gewinnen wollte und Ego-Dokumente als Quellengattung besonders spannend finde. Zudem befindet sich das Archiv in der Nähe meines Heimatortes, was die Entscheidung zusätzlich erleichtert hat. Während meiner Zeit dort konnte ich den gesamten Prozess nachvollziehen, den die Tagebücher durchlaufen, von der Erfassung neu eingehender Dokumente bis hin zur Bereitstellung für die Forschung.
So durfte ich beispielsweise die Reisetagebücher einer Freiburger Stadträtin erschließen. Gemeinsam mit ihrem Mann, der seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis in die späten 1960er-Jahre Bundestagsabgeordneter war, bereiste sie zahlreiche Länder. Ihre Aufzeichnungen geben Einblicke in eine konservative deutsche Nachkriegsperspektive auf Länder wie die Türkei, Israel oder Rumänien – Orte, die sie sowohl aus dienstlichen als auch aus privaten Gründen besuchte.
Auch Briefe eines jungen Mädchens aus einer Klinik, in der es sich aufgrund von Untergewicht in den 1940er-Jahren aufhielt, habe ich erschlossen. Ebenso konnte ich in das Tagebuch eines Pfarrers aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hineinlesen, der im vom Hunger geprägten Berlin lebte. Tagebücher geben sehr intime Einblicke in das Leben eines Menschen, oft haben mich die Einträge sehr berührt, wenn beispielsweise Schicksalsschläge thematisiert wurden. Zwar finden mittlerweile viele Tagebücher über die Schreibenden selbst den Weg ins Archiv, denn jeder kann diesem theoretisch seine Niederschriften anbieten. Allerdings stammen einige der Archivalien auch aus Nachlässen oder es handelt sich bei ihnen sogar um Fundstücke. Das bedeutet, dass die Autor:innen nicht immer ihr Einverständnis erteilt haben. Urheber- und Persönlichkeitsrechte unterliegen in Deutschland nach dem Ableben des Rechtsinhabers einer Verjährung. Ohne das Wissen oder Einverständnis der Person sehr persönliche Details aus deren Leben zu erfahren, kann sich seltsam anfühlen, hätten wir diese Möglichkeiten allerdings nicht, so würden uns wichtige Perspektiven von Zeitzeugen fehlen, was wiederum auch problematisch sein kann. Es wiegt also nach dem Tod das wissenschaftliche Interesse schwerer als der Persönlichkeitsschutz.
Für Historiker:innen sind Selbstzeugnisse eine unverzichtbare Quellengattung. Sie spiegeln stets die persönliche Perspektive der schreibenden Person wider, denn Gefühle, Vorurteile oder begrenztes Wissen beeinflussen die Darstellung. Es handelt sich also nicht um objektive Wahrheiten, sondern um individuelle Wahrnehmungen. Zudem ist der Entstehungskontext zu berücksichtigen – also wann und unter welchen Umständen ein Tagebucheintrag verfasst wurde: unmittelbar im Moment des Geschehens oder erst im Nachhinein aus der Erinnerung? Auch die Intention der Autorinnen spielt eine Rolle, etwa ob sie ausschließlich für sich selbst schrieben oder mit Blick auf mögliche spätere Leser:innen. Ebenso wichtig sind Auslassungen, also das, was nicht aufgeschrieben wurde, der Vergleich mit anderen Quellen sowie die Überlieferungssituation. All dies sind zentrale Aspekte der historischen Quellenkritik.
Ganz neu war für mich der Einblick in die redaktionelle Arbeit des Tagebucharchivs für die Herausgabe der „Zeitreise“, einer Publikation, in der einmal jährlich ausgewählte Tagebuch-Exzerpte zu einem bestimmten Thema veröffentlicht werden. Zusätzlich findet im Herbst eine Lesung statt, deren Vorbereitung ich miterleben durfte. Für mich als Historikerin war diese Form der Nutzung historischer Quellen völlig neu, hat mich jedoch sehr begeistert. Denn sie bietet eine besonders anschauliche Möglichkeit, Menschen für Geschichte zu interessieren.
Besonders gerne habe ich Rechercheaufgaben übernommen. Forschende wenden sich mit Anfragen zu bestimmten Themen an das Archiv, manchmal sehr konkret, manchmal eher breit gefasst. In Absprache mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin habe ich dann die Recherche in der Datenbank und den Digitalisaten durchgeführt. Dabei suchte ich nach Stichworten, las aber häufig auch in die Texte hinein und erhielt so zahlreiche kleine Einblicke in eine Vielzahl von Tagebüchern. Themen wie Bücherverbrennungen, Varieté im Kaiserreich oder die Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg wurden angefragt und dann von uns bearbeitet.
Ich habe in meinem Praktikum viel Neues gelernt. Recherche, Erschließung und Transkription gehörten dabei zu meinen liebsten Aufgaben. Nicht nur die Vielfalt der Tagebücher hat mich begeistert, sondern auch die Arbeit in dem engagierten und freundlichen Team, das mich von Anfang an herzlich aufgenommen hat. Ein Engagement im Tagebucharchiv – in welcher Form auch immer – kann ich auf jeden Fall empfehlen.
Rückblickend hat mir das Praktikum gezeigt, wie wichtig persönliche Quellen für unser Verständnis von Geschichte sind. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht nur Vergangenheit, sondern vor allem Menschen.
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