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Leben und Arbeit - dépARTS-Residenz in Paris

Foto von Alex Hojenski

Alex Hojenski, stART.up-Alumna

Dicht an dicht reihen sich verwinkelte Stoffläden aneinander, überlappen sich in ihren Auslagen und konkurrieren mit Angeboten und Aktionen. Ich bin nur ein kleines Eck unterhalb der von Tourist:innen umzingelten Sacré-Cœur Basilika in Montmartre.
Im Stoffgeschäft bin ich autodidaktische Textilspezialistin mit einem Faible für elastische und isolierende Materialien (übrigens: Der Begriff Faible kommt aus dem Französischen). Ich erkundige mich über Angebote, Spezialgebiete und sammle Materialproben. Kurz zuvor an der Basilika war ich Touristin, Teil einer wuselnden Menge, die bei strahlendem Sonnenschein den Blick über die Stadt und dabei auch sich selbst genießt und - ob man nun will oder nicht - ganz dem Klischee entspricht. Den Rest des Tages werde ich zwischen anderen Gästen und Anwohner:innen als Stadtbeobachterin in einem Café verbringen, bevor ich mich wieder auf den Weg zurück nach Hause mache.

Paris hat unglaublich viele Gesichter und die Möglichkeit für drei Monate dort zu leben und zu arbeiten, offenbarte mir sicher nur einen Bruchteil dieser.

Zu Gast und doch Zuhause

Für drei Monate bin ich also Anwohnerin in Paris, um genau zu sein, in Romainville.

Mein Zuhause als dépARTS-Residentin bei der Fondation Fiminco ist ein Vorort im Département Seine-Saint-Denis, Teil von Grand Paris, der mit zwei U-Bahnlinien, Bussen und dem stark belebten Kanal immer dichter an Paris angeschlossen wird. Dort wird, zwischen vereinzelten Überresten eines ehemaligen Industriegebiets, großflächig ein neues Wohngebiet aufgebaut. Etwas verschlungen in den renovierten Backsteingebäuden befindet sich die Foundation Fiminco. Im Außenbezirk zu wohnen, könnte auf den ersten Blick als Nachteil erscheinen, bringt aber den wertvollen Vorteil von Raum und anwachsender Dynamik mit sich und erweist sich für mein Projekt auch inhaltlich als vielschichtige Quelle.

Temporär an einem Ort zu leben und zu arbeiten ist die basale Grundlage jeder Künstler:innen-Residenz. Das ist so einfach wie umfangreich. Denn der Aspekt des „Lebens“ macht, dass auch Alltägliches, neue Kontakte und veränderte Gewohnheiten ins Arbeiten einfließen und (unvorhersehbar) Teil eines vorher geplanten Projekts werden. Diesen Alltag durfte ich gemeinsam mit meinen dépARTS-Mitresident:innen Jasmine Fan und Simon Kluth mit bis zu 22 weiteren Künstler:innen teilen. Im Herbst 2025 baute sich die Besetzung der Fiminco Residence aus Künstler:innen aus dem Iran, der Schweiz, Frankreich, Russland, Libanon, Ecuador, Südafrika, Deutschland und Singapur zusammen. Nach ein paar Wochen entsteht ein temporäres Zuhause, das sich mit dem eigentlichen Wohnort (bei manchen auch mehreren) überschneidet, hier und dort. Arbeiten im Atelier und in den Werkstätten, Besuche von Ausstellungen, Konzerten, Performances und Messen; Stadttouren, Besorgungen, Wäschewaschen, Kochen, Ausgehen -  in Paris und Romainville. Mails, Telefonate, Video-Calls mit anderen Orten. Meine Kolleg:innen arbeiten in unterschiedlichen Bereichen, wir haben verschiedene Überschneidungen. Viele arbeiten prozesshaft und nutzen die Möglichkeiten der Werkstätten der Fondation Fiminco, um neue Techniken zu entwickeln und auszubauen. Wir sprechen über verschiedene Zugänge, Bedingungen, Herausforderungen und Hindernisse, die unsere künstlerischen Projekte und Leben formen. Für den Austausch und die schnell eng gewordenen Verbindungen bin ich unglaublich dankbar.

Inspirationsquelle Romainville

Währenddessen wird das Neubauviertel in Romainville für mich mehr und mehr zum Hauptdarsteller in meinem Projekt. Entschleunigt und verstreuter im Vergleich zum Pariser Zentrum bildet sich doch vieles ab, was Paris konzentriert. Ein immer aktives Wabern, voller Austausch, Auf- und Umbau, Wertproduktion, kulturellem Leben und Handel; kurz: die Umtriebigkeit von 2,1 Millionen Einwohner:innen und jährlich bis zu 50 Millionen Besucher:innen. In Romainville werden Häuser abgerissen, neue erbaut. Mit dem Satelliten-Bild bei Google Maps reise ich in die Vergangenheit, die nur einige Monate alt ist und dennoch ein sehr anderes Bild der Umgebung zeigt. Zwischen all den Menschen und Aktivitäten bilden sich für mich zwei Orte in der Nachbarschaft heraus, die eine sinnbildliche Rahmung der Produktionskreise setzen: die Betonfabrik am Kanal und die lokale Müllsortieranlage.

Ich arbeite mit Textilien. Mein Augenmerk lag zu Beginn auf Kontrasten zwischen stark dehnbaren Geweben und solchen, die es nicht sind, die starr und abweisend sind und isolierende Eigenschaften haben. Ich wollte dem Gefühl von rahmender Architektur nachgehen, im Innen- wie im Außenraum und deren Einfluss auf unsere so viel beweglicheren Körper untersuchen. In Romainville finde ich mich jedoch inmitten bewegter, neu arrangierter Gebäude wieder, die meinen Fokus verschieben und meine Frage vorerst offenlassen, wie und welche Körper involviert sein werden.

Stattdessen versammle ich während meines Aufenthalts unter dem Titel „HOW THINGS DISAPPEAR“ eine Serie an Fotos, gefundenen Objekten, gefärbten und geprägten Stoffen und handgewebten Netzen. Sie sind Abwandlungen, Fundstücke und Übersetzungen von Motiven, die mir bei Streifzügen begegnet sind. Was fällt durch’s Raster, was bleibt liegen?

Als Residentin bin ich Gast und doch lange genug vor Ort, um auf Besonderheiten aufmerksam zu werden und ein Gespür für den Rhythmus der Gegend zu bekommen. Ich liebe die losen Reste von Baumaterialien, Verpackungen und zufälligen Fetzen des Alltags, die ich zwischen den rechtwinklig aufragenden Neubauten finde. Im Atelier lasse ich meinen eigenen Baustellenmodus entstehen, mische Meterwaren unbenutzter Textilien mit Farbe und Sand von der Baustelle nebenan, erzeuge Abdrücke und halte Spuren fest. Es geht mir darum, Gefühle gegenüber Neuwertigkeit und Abnutzung, Veredelung, unumkehrbarer Einbindung oder Vernichtung zu erzeugen. Zwischen Produktion, Entsorgung, Wiederaufbau und Aufwertung bildet sich in Romainville ein neues Zentrum der Wertschöpfung einer Stadt, die hungrig expandiert. Was ist gewollt? Was unvermeidbar? Was wird ignoriert? Wie viele Perspektiven gibt es für die unterschiedlichen Beteiligten im Viertel mit ihren verschiedenen Arbeitswegen und Lebensrealitäten?

HOW THINGS DISAPPEAR hat die Struktur einer Beschreibung und stellt vielmehr eine Frage da: Verschwinden Dinge wirklich? Vielleicht manche, aber die wenigsten spurlos.

 


Alex Hojenski konstruiert flexible, mobile und erweiterbare Körper, die begehren, sich behaupten, aber nicht statisch sind. Mit einem Fokus auf Malerei und Textilien, ihren Referenzen und skulpturalen Möglichkeiten entwickelt sie Objekte, ortsspezifische Installationen und Bühnenbilder. Die Auseinandersetzung mit einer scheinbaren Trennung zwischen Kultur und Natur ist dabei ebenso zentral wie die mit Materialien verbundenen Werte, ihre Veredelung und ihr Verfall. In ihren Projekten prallen Phänomene wie Ausrüstung und Abschottung auf das Bewusstsein gegenseitiger Vulnerabilität.

Eine Weiterentwicklung der Arbeiten, die während der dépARTS-Residence entstanden sind, werden ab Mai in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen zu sehen sein.

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